Wie in jedem Jahr hatte die äthiopisch-orthodoxe Tewahedo-Kirche an Heilig Abend zum Weihnachtsgottesdienst eingeladen. Nach äthiopischem Kalender war es der 28. Tahsas 2018 und nach dem Kalender in Europa am 6. Januar 2026. Normalerweise wird der Gottesdienst in den jeweiligen Kirchen der verschiedenen Stadtteile gefeiert.
In diesem Jahr war es anders, denn es war das erste Mal, dass die orthodoxe Kirche in Addis Abeba zu einem „Open Air-Gottesdienst“ auf den Maskal Square, mitten in der Stadt, eingeladen hatte. Ausdrücklich waren neben den orthodoxen Christen alle Gläubigen und interessierten Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst gebeten. Die Feierlichkeiten auf dem Maskal Square dauerten von 15 bis 19 Uhr. Danach gingen die Menschen in ihre jeweilige Stadtteilkirche, denn der Gottesdienst in der „Heiligen Nacht“ wird schon seither immer bis 3 Uhr morgens gefeiert.
Als ich mich nachmittags mit meinen Verwandten und Freunden am Maskal Square traf, staunten wir über das, was uns dort erwartete. Auf einer Bühne sangen ungefähr 120 Sängerinnen und Sänger Weihnachtslieder, begleitet vom Spiel der Davids-Harfen, die hier „Begenna“ genannt werden. Die Liedertexte konnten über den Kirchensender per Youtube & WhatsApp aufs Handy geladen werden und zusätzlich wurden Liederzettel verteilt. Aber auch auf riesigen Bildschirmen wurden die Texte angezeigt, so dass alle zum Mitsingen eingeladen waren. Es wurde in den Sprachen Ge‘ez, Amharisch und Affan Oromo gepredigt und gebetet. Zwischendrin wurden vom Chor Lieder zur biblischen Weihnachtsgeschichte vorgetragen – die an das Geschehen im Stall von Bethlehem erinnerten. Gesungen wurde über die „Heilige Familie mit dem Jesus-Kind“ sowie vom hellen Stern, der den Hirten und den heiligen drei Königen den Weg zeigte. Alle Lieder waren – Dank der aufgestellten Bildschirme – überall gut zu hören und der große Chor war gut sehen. Die technischen Bildschirm-Übertragungen waren einzigartig und der Applaus war riesig!!!
Es waren unzählig viele Menschen aus allen Stadtteilen und aus den Vororten von Addis Abeba gekommen. Der riesige Maskal Square konnte gar nicht alle aufnehmen, so dass viele auch in den Nebenstraßen feierten. Am Anfang schätzten wir ca. 200.000 Teilnehmer. Es kamen immer mehr dazu, sodass die von der Kirche veröffentlichen Teilnehmerzahlen sogar auf 500.000 stiegen. Schon vorab hatten die Kirchen zur friedlichen Weihnachtsfeier aufgerufen, haben Respekt und Disziplin gefordert. Die Stadtverwaltung, die Polizei, die Feuerwehr und das Rote Kreuz haben mit Sicherheitsmaßnahmen die Feierlichkeiten auf dem Maskal-Square professionell begleitet und unterstützt. So konnte man sich sicher fühlen, was von allen Teilnehmenden sehr geschätzt wurde.
Zufällig ergab es sich, dass wir mit einigen Chinesen, die sich zu uns gesellt hatten, ins Gespräch kamen. Sie hatten hier erst vor Kurzem ihre Arbeit begonnen und staunten sehr, wie in Äthiopien das Weihnachtsfest gefeiert wird. Sie freuten sich mit uns darüber, dass hier alles so friedlich verlief und zündeten dann auch ihre Kerzen an. Ganz besonders gefreut haben wir uns dann noch, als wir sahen, dass einige der diensthabenden Polizisten für sich selbst auch Kerzen anzündeten und die Weihnachtslieder mitsangen.
Zum Abschluss der Feierlichkeiten hat die Bürgermeisterin von Addis Abeba – W/ro Adanech Abiebie – Grußworte zum Weihnachtsfest gesprochen. Sie dankte den Organisatoren und allen Helferinnen und Helfern, die zum Gelingen dieses friedvollen Open Air Weihnachtsgottesdienstes beigetragen haben. Und weiter sagte sie: „Wir freuen uns sehr, denn diese friedvolle Weihnachtsfeier auf dem Maskal Square ist ein gutes Zeichen für unsere Stadt. Mit der enorm hohen Beteiligung und mit dem friedlichen Verlauf wurde der Zusammenhalt der Menschen aus Stadt und Land auf wunderbare Weise ebenso sichtbar wie die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Von unserer Stadt Addis Abeba geht heute ein gutes Zeichen aus, das es zu würdigen gilt.
Liebe Freunde der Leipzig – Addis Abeba Städtepartnerschaft!
Alles das hat einen wunderbaren, hoffnungsvollen Nachklang. Hier kamen zum Weihnachtsfest viele Menschen – auch viele, die sich vorher nicht kannten – ins Gespräch. Die Dankbarkeit war riesig, das Glück und die Freude über den friedvollen Verlauf klingen immer noch nach. Gott-sei-DANK!!!
Mit diesen Gedanken verbunden, sende ich und senden wir aus Addis Abeba viele liebe Grüße in unsere Partnerstadt nach Leipzig und wünschen euch allen „Melkam GENNA“.
Herzlich, euer Amsalu Dereb
Addis Abeba, 07.01.2026
P.S.: *** Ergänzend möchte ich noch dieses erwähnen: Als ich die Feuerwehr-Autos und die Feuerwehrleute in ihren Uniformen auf dem Maskal Square sah, musste ich daran denken, dass ihr Leipziger die Arbeit unserer Feuerwehr schon seither bestens unterstützt. Als im Februar 2020 hier in AA die Fachtagung der deutsch-äthiopischen kommunalen Partnerschaften stattfand, gehörte auch ein Besuch bei der hiesigen Feuerwehr dazu. Ich durfte damals dankenswerter Weise als Teilnehmer mit dabei sein.
Von unserem Vereinsmitglied Amsalu Dereb